Dr. Agnieszka Zagańczyk-Neufeld – Habilitationsprojekt

Sekten in Russland 1800-1914. Eine Sozialgeschichte der Glaubensfreiheit

Stichworte wie Glaubensfreiheit oder religiöser Pluralismus werden nicht unbedingt mit Russland konnotiert. Anders als der westeuropäische und US-amerikanische religiöse Dissens blieben emanzipatorische Praktiken religiöser Dissidenten in Russland von der Forschung allzu häufig unbeachtet. Dabei machten religiöse Abweichler am Ende des 19. Jahrhunderts schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung Russlands aus. Das Projekt hat das Ziel, die Geschichte der bäuerlichen religiösen Sekten in Russland in den Jahren 1800-1917 im Hinblick auf ihre elementare Bedeutung für das Verständnis und die Umsetzungsversuche der Glaubensfreiheit im autokratischen Zarenreich zu untersuchen. Da die Sektierer in Russland kaum Schriften oder eigene Dogmatik hinterlassen haben, widmet sich das Projekt ihren religiös motivierten sozialen Praktiken, die auf fünf Handlungsebenen analysiert werden: Flucht und Migration, Körperpraktiken, Wirtschaftspraktiken, Kriegsdienstverweigerung, und gesellschaftsstabilisierende Normbildung. Die Untersuchung dient nicht nur der ersten modernen Geschichte der religiösen Abweichung in Russland. Sie gibt auch Aufschluss über gesellschaftliche Emanzipations- und Pluralisierungsprozesse im russischen Imperium, die mit dem Revolutionsjahr 1917 brutal unterbrochen wurden. Die praxeologische Vorgehensweise erlaubt, sich dem Begriff der Freiheit in Russland aus sozialgeschichtlicher Perspektive zu nähern, und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu der immer noch defizitären Forschung zu der Freiheitsgeschichte in Russland.